+
Eamon McGrath im Interview
Interview: Hanna Hindemith
Fotos: Danny Miles

Im Juni veröffentlicht der kanadische Singer/Songwriter Eamon McGrath sein neues Album "Tantramar". Dies wird er im April und Mai auch hierzulande live vorstellen. In unserem Interview spricht er mit uns über sein neues Album, über das Leben als Singer/Songwriter, der sich sein Leben mit seiner Musik finanziert und was dies alles mit sich bringt.

Eamon McGrath

2017 war sehr ereignisreich und vermutlich auch sehr aufregend für Dich. Du hast Dein Buch „Berlin-Warszawa Express“ veröffentlicht, warst auf der ganzen Welt auf Tour, hast neue Songs geschrieben und wirst Dein neues Album „Tantramar“ in diesem Jahr veröffentlichen. Woher nimmst Du all Deine Energie?

Ich würde nicht sagen, dass ich viel Energie habe… Ich denke es ist eher ein Resultat vieler schlafloser Nächte. Ich habe mir vor ein paar Jahren geschworen, dass ich nie wieder einen Tagesjob machen werde, nachdem ich meinen letzten 2013 beendet habe. Wenn Du also wirklich den Entschluss fasst, von Deiner Kunst zu leben, musst Du arbeiten, arbeiten, arbeiten. Arbeit zu finden ist die eine Sache, die Arbeit auszuführen eine andere und das laugt Dich ziemlich aus und strengt an. Aber ich muss sagen, dass ich es nicht anders haben wollen würde: Ich werde wieder revitalisiert und tanke neue Energie, wenn ich dabei bin, etwas zu kreieren. Egal, ob es auf Tour ist oder ein Album oder ein Buch. Der physische „Crash“ kommt, wenn diese Dinge abgeschlossen sind. Aber wenn Du mitten drin bist, gibt es nichts Aufregenderes und nichts Inspirierenderes, und daraus erhältst Du eine Menge Energie.

„Die Tantramar-Sümpfen sind ein wirklich magischer Teil Kanadas“

Lass uns über Dein nächstes Album „Tantramar“ sprechen. Du hast gesagt, dass Du die Lieder im Tantramar-Sumpf aufgenommen hast? Kannst Du uns mehr darüber und die Aufnahmen im Allgemeinen erzählen?

Die Tantramar Marshes sind eine Region im Osten Kanadas, ungefähr 18 Autostunden von Toronto entfernt. Der Name kommt von dem französischen Wort „Tintamarre“, das eine akadische Tradition darstellt, eine Stadt zu feiern, indem man auf Töpfe und Pfannen oder laute Gegenstände hämmert. Das Wort beschrieb die mysteriösen Klänge, die die französischen Kolonisten in den Sümpfen hörten, die auf ihren Märschen das Land stahlen: Rufende Vögel, ein Rascheln im Wald, unerklärliche Knälle… Wer weiß? Die Region hatte bei den Mi’kmaq-Leuten, die dort vor dem Genozid in Kanada lebten, den Ruf, ein magischer Ort zu sein.

Ich hatte das Glück, dass ich auf dem Sappyfest spielen durfte – eine Art Sommercamp für Punk- und Indierocker oder auch eine Familienzusammenkunft von allen kanadischen independent Künstlern. Jedes Jahr pilgern Hunderte von Leuten zu den Tantramar Marshes, in denen sich die Stadt Sackville befindet, und gucken sich drei Tage lang großartige Bands an. Eine ganz besondere Sache: Ein Jahr lang hatte das Sappyfest einen Postdienst, über den man Briefe an Leute schrieb, die man auf dem Festival traf und freiwillige Fahrradkuriere und Postzusteller verfolgten diese Person auf dem Festivalgelände und überbrachten ihnen ihre Botschaft. Jedes Jahr gibt es eine eigene Zeitung mit dem Namen „Sappy Times“, die jeden Morgen erscheint und über die Ereignisse und Shows der vergangenen Nacht berichtet. Ich meine, das ist wirklich unfassbar: Das Festival geht so weit über den Standard „Das ist ein Musikfestival, bei dem man sich einfach Bands ansieht, Geld zahlt und Bier trinkt“ hinaus. Es ist wie eine vierdimensionale, psychedelische Kunstinstallation, in der die gesamte Stadt Sackville Sappys Leinwand ist. Und manchmal fühlt es sich an, als ob in dieser Kunstinstallation gerade ein Musikfestival stattfindet. Jeder, der teilnimmt, fühlt sich wie eine Figur in diesem riesigen, ausufernden Stück: Es übertrifft gewissermaßen das Konzept, was ein Musikfestival ist und was ein Musikfestival sein kann. Und man hat den Eindruck, dass dies alles nur auf den Tantramar-Sümpfen passieren könnte, wenn man bedenkt, dass es sich um einen wirklich magischen Teil Kanadas handelt.

Du hast mehr als 300 Songs geschrieben und aufgenommen. Wie schwer ist es, sich für neue Dinge inspirieren zu lassen und woher nimmst Du Deine Inspiration?

Neue Formen der Inspiration kommen die ganze Zeit. Ich bin weit über den Punkt hinaus, über „Kater und Herzschmerz“ zu schreiben. Diese Themen werden wirklich schnell alt. Jetzt suche ich nach Erzählungen in der Geschichte, finde vielleicht Charaktere oder eine Figur, deren Leben man fiktionalisieren oder reflektieren kann. Oder ich suche nach einer konzentrierteren und prägnanten Symbolik in meinem eigenen Leben: Die Dinge auf ihren fundamentalen, kleinsten Punkt zu reduzieren und dieses eine Gefühl zu dieser einen Zeit zu untersuchen. Zum Beispiel habe ich kürzlich ein Lied über dieses besondere Gefühl des melancholischen Verlustes geschrieben, den ich hatte, als ich nach einer Show in Montreal mit dem Bus fuhr. Und aus diesem emotionalen Sekundenbruchteil kreiere ich eine ganze Erzählung und ein Lied. Man kann viel aus diesen kleinen, spezifischen Momenten der Erfahrung herausholen, wenn man sich ihnen öffnet. Man muss die Antennen ausstrecken und den Mut haben, genau zu sagen, was man in dem Moment sagen will, um dieses Gefühl zu vermitteln. Aber die breitere Palette der üblichen Songwriting-Themen – gebrochene Herzen, kaputte Flaschen, gebrochene Geister – interessiert mich nicht mehr wirklich.

„Die Rock’n’Roll-Mythologie, zu einer Show zu kommen und in letzter Minute einen Slot zu bekommen, hat tatsächlich funktioniert!“

Was ist die aufregendste oder coolste Erfahrung, die Du unterwegs auf Tour gemacht hast?

Als ich vor einigen Jahren im Vereinigten Königreich auf einer meiner allerersten Tourneen in Übersee – ich glaube es war 2009 oder 2010 – war, hatten wir einen freien Tag und fanden heraus, dass NoMeansNo in Glasgow spielten. Wir traten in einer Stadt in Schottland auf, nur 40km entfernt. Ganz in der Nähe. Also sind wir nach Glasgow gereist und haben den Veranstaltungsort gefunden. Damals musste man sich morgens hinsetzen und wie ein ganzes Buch die Wegbeschreibung zu Google Maps ausdrucken und sein Bestes geben, um nicht verloren zu gehen. Dort versuchten wir, kurzfristig an einen Auftritt zu kommen, da nur zwei Bands spielten und wir den Tourmanager und den Support-Act von Zuhause aus kannten. Wir gingen hinein und versuchten es. Ich erinnere mich, dass der Manager des Veranstaltungsortes sagte: „Okay, großartig! Holt Eure Sachen und kommt zurück!“ und wir waren alle so aufgeregt, dass wir im Vorprogamm von NoMeansNo spielen durften. Wir konnten es nicht glauben: Die Rock’n’Roll-Mythologie, zu einer Show zu kommen und in letzter Minute einen Slot zu bekommen, hat tatsächlich funktioniert! Und es war eine meiner absoluten Lieblingsbands. Als wir zurück waren, kam der Tourmanager zum Lieferwagen und sagte: „Hey, ich bin mir nicht sicher, wer Euch was gesagt hat, aber Ihr spielt diese Show nicht – ich denke, es gab ein Missverständnis. Aber ich kann Euch auf die Gästeliste setzen“. Und obwohl mir mein neunzehnjähriges Herz in die Hose rutschte, war ich immer noch so glücklich, NoMeansNo in Glasgow spielen zu sehen. Ich glaube, das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe. Diese Erinnerung finde ich einfach so witzig: Sie umkreist so deutlich die Achterbahnfahrt der Emotionen, die das Touren mit sich bringt. Für einen Sekundenbruchteil dachten wir alle, wir könnten endlich mit unseren Helden spielen, aber dann haben wir uns einfach nur betrunken und in der ersten Reihe zu jedem Lied mitgesungen. Jetzt, im Nachhinein, denke ich: Wie zum Teufel hätten wir es ins Line-Up schaffen sollen? Fünf verkaterte, obdachlose Kanadier kommen in eine Bar, um in einer Stunde auf der Bühne zu stehen und diese sagt einfach „Ja“? Niemals. Total unmöglich. Aber wir haben es trotzdem versucht und es war dennoch eine unglaubliche Nacht.

Diese Erzählung passt auch dazu, dass es scheint, als würdest Du das „romantischem Leben“ eines Musikers leben – zu tun, was Du liebst, unterwegs sein, tolle Orte bereisen. Rückblickend auf den Anfang Deiner Karriere und jetzt: Würdest Du alles wieder so machen oder würdest Du etwas ändern?

Ich denke, dass ich das Album „Exile“ anders machen würde. Wenn ich es jetzt betrachte, klingt es für mich eher wie ein Demoband.  Ich mag die Idee, eine Platte komplett live mit allen zusammen an einem Nachmittag im selben Raum zu spielen und genau das taten wir. Aber ich wusste zu der Zeit nicht, dass Dir diese Methode das Gefühl gibt, ein wenig vom Endprodukt getrennt zu sein. Ich hatte alle Platten die ich liebe, die auf diese Weise aufgenommen wurden, romantisiert. Besonders „Tonight’s the Night“ von Neil Young. Aber was Du dabei vergisst, ist, dass sie alle im Laufe eines Jahres oder länger entstanden sind. Die Band spielte diese Songs und nahm sie jede Nacht für ungefähr achtzehn Monate oder so auf. Obwohl das Album wirklich aus dem Stegreif und zufällig klang, war es das tatsächlich nicht. Es war diese wirklich fokussierte, intensive, vorsätzliche Sache, die Du an einem Nachmittag nicht verwirklichen kannst. Aber durch solche Momente lebst und lernst Du. Ich hätte niemals „Berlin-Warszawa Express“ geschrieben, wenn es dieses Album nicht gegeben hätte, da dieses mich alle vier oder fünf Monate für endlose Touren – in einigen Fällen 58 oder 60 Shows – nach Europa führte. In dieser Hinsicht hätte ich nichts geändert.

„The small stages come for all of us, eventually.“

Wenn Du Dein Leben mit einem Songzitat beschreiben könntest – welches wäre es?

Nicht unbedingt ein Songtitel, sondern eher ein Zitat vom kanadischen Musiker Gord Downie beschreibt, wie ich über das Musizieren denke.
Gord starb letztes Jahr und er war gelinde gesagt ein Nationalheld. Er wird von allen – von Krustenpunkern bis hin zu Lyrikern – in höchstmöglicher Hinsicht geachtet. Jeder bewundert, was er künstlerisch in gewisser Weise geleistet hat. Selbst Leute, die seine Band hassten, lieben sie für das, was sie können. Er hatte eine lange und wohlhabende künstlerische Karriere, ohne jemals internationalen „Ruhm“ zu finden. Sie haben sich in dieser Hinsicht nie ausverkauft. Sie haben sich nie verstellt, um berühmt zu werden. Das ist wirklich bewundernswert. Jedenfalls war Gord Downie einmal in dieser kanadischen Talkshow namens Q und Gord hat eines der denkwürdigsten Zitate gebracht: „The small stages come for all of us, eventually.“ Ich denke, das ist einfach perfekt.

Was kannst Du uns über die Singer/Songwriter-Szene in Kanada erzählen? Gibt es Unterschiede zur Szene hier in Europa?

Die kanadische und europäische Musikszene ist im Allgemeinen extrem unterschiedlich. Eine Tour in Kanada zu fahren ist ein sehr mühsamer Kampf. An jeder Ecke wird versucht, Geld zu sparen und damit werden riesige Hürden geschaffen. Wenn Du zum Beispiel ein paar Soloshows spielen willst und einen Bus oder einen Zug nimmst, anstatt einen Van zu mieten, bedeutet das, dass Du für acht oder neun Stunden in diesem Bus sitzt. Wenn Du dann zur Show kommst, wirst Du vor Menschen der gleichen Kultur spielen, die sich nicht unbedingt darum kümmern, was man zu sagen hat und hören womöglich nicht mal richtig zu. In Europa kann man einen Flixbus für fünf Euro bekommen und fährt nicht länger als drei Stunden. Man spielt in einem ganz anderen Teil der Welt, in dem das Publikum neugierig ist und aufmerksam zuhört. Es ist also viel schwieriger, sich als Songwriter in Kanada zu etablieren. Es ist viel zu viel Aufwand für das, was man zurück bekommt. Ich denke, deshalb kommen so viele Leute in Europa auf Tour. Denn als Kanadier fühlt es sich an, als wären die Kosten – finanziell und emotional – viel geringer.

„Als Musiker die Welt zu bereisen, um seine Sichtweise zu teilen, ist eines der größten Geschenke, das man geben kann“

Was denkst Du, macht einen Musiker heutzutage besonders? Was ist wichtig, um als Musiker zu überleben?

Ich bewundere Lebemenschen. Leute, die nur Shows spielen und Songs auf dem Backburner schreiben. Ich mag es nicht, eine Band zu sehen und sofort zu wissen, dass jedes Mitglied all diese anderen Dinge in ihrem Leben laufen haben. Das finde ich verdammt langweilig. Ich möchte Menschen sehen, die für das, was sie tun, leben und atmen. Ich möchte Künstler sehen, die das Konzept der „Armut“ ignorieren und erkennen, dass es eine geschaffene, hergestellte Institution ist. Die erkennen, dass sie durch das Spielen von Shows der konzipierten „Realität“ ihren Mittelfinger entgegenhalten und auf den Kapitalismus spucken. Ich möchte eine Band sehen, die in zehn oder zwanzig Jahren immer noch eine Band sein wird. Die erkennt, dass es in der Kunst um Langlebigkeit und Unsterblichkeit geht und dass diese Dinge jede soziale Definition von Erfolg oder Misserfolg überschreiten. Als Musiker die Welt zu bereisen, um seine Sichtweise zu teilen, ist eines der größten Geschenke, das man geben kann. Und es ist eines der größten Geschenke, das man erhalten kann. Das zu wissen, setzt eine ganze jede Menge Ausdauer frei.

Im April und Mai wirst Du in Europa auf Tour sein. Was ist das Beste auf Tour zu sein und was vermisst Du am meisten, wenn Du unterwegs bist?

Jedes Mal, wenn ich auf Tournee gehe, lerne ich etwas Neues über die Welt, meinen Platz darin und darüber, wie man ein besserer Künstler wird. Jedes Mal, wenn Du eine Handvoll Shows in Deinem Leben spielst und sie hinter Dir hast, erhältst Du eine Art neuen Einblick. Vielleicht geht es darum, wie man die Planung seiner Tour verbessert. Vielleicht geht es darum, wie sich das politische Klima in Europa zum dritten Mal in fünf Jahren wieder drastisch verändert. Vielleicht geht es darum, wie Dich die Musik zu einem Reservat der First Nations in Kanada gebracht hat, und einem bewusst wird, dass diese Art von Misshandlung der Menschheit weiterhin innerhalb der Grenzen der Nation existiert, in der man lebt. Vielleicht lernt man neue Menschen kennen und bleibt für immer mit ihnen befreundet. Vielleicht geht es darum, die ganze Nacht in Wien zu feiern und die Sonne über dem First District aufgehen zu sehen und ein Lied darüber zu schreiben. Vielleicht führt es mich zum ersten Mal nach Mexico City, um eine Show zu spielen und zu realisieren, dass es im Interesse von Coca-Cola ist, dort kein trinkbares Wasser zugänglich zu machen. Wer weiß?

Eamon, danke für das Interview! Hast Du noch etwas, was Du loswerden möchtest?

Ich freue mich sehr auf die Shows in Europa. Ich werde diese Tour mit zwei großartigen kanadischen Musikern machen, Tom Murray am Kontrabass und Darrek Anderson am Pedal Steel. Die Musik wird eine Art gemeinsames Gleichgewicht zwischen Country, Folk und Doom Metal sein.

Stream: Eamon McGrath – Power

Eamon McGrath Power Singlecover

Eamon McGrath
Power (Single)

available-on-amazon

Tourdates

26.04. Gent, Cafe de Loge
27.04. Bonn, Lautstark Concerts
28.04. Karlsruhe, Scruffy Murphy’s
29.04. Schaan, Black Pearl
30.04. Wil, Buero Lokal
01.05. Prag, (A)Void Floating Gallery
02.05. Innsbruck, Die Backerei
03.05. Kriens, Barrock Music Bar
04.05. Geneva, Folks & Folks
05.05. Zurich, Obenuse Fest
06.05. Freiburg, Slow Club

CYB Präsentation

Auch spannend:

Anzeige